IRINA HECKMANN
Interview zum Film „Zwischen den Fronten“

Interview zum Film „Zwischen den Fronten“

Interview 8. Januar 2024

Gespräch zwischen Dirk Fleiter, freier Journalist beim WDR, und Irina Heckmann, Regisseurin

Dirk Fleiter: „Zwischen den Fronten“ ist bereits dein vierter Film. Worum ging es in den Vorgängerfilmen?

Irina Heckmann: In „Am Ende aller Tage“, den ich 2012 gedreht habe, begleitete ich Menschen bei den alltäglichen Abendritualen: Schlafen, Träumen und Aufwachen miteingeschlossen. Dabei spielt, die Nacht, Angst und der Tod, wie man dem Titel entnehmen kann, eine wichtige Rolle.
(Filmkritik von Reinhard Matern in „der Freitag“ Community)

In „Das genialste System überhaupt“, den ich 2014 fertigstellt habe, geht es um die menschliche Anatomie. Ich habe früher Illustrationen studiert und war in die Anatomieabteilung der Universität zum Zeichnen gegangen – ein voller Saal mit 25 Körperspenden, das heißt aufgeschnittene Körper auf den Liegen, an denen scharenweise Studenten lernten. Beim Zeichnen einer Sehne an der Hand, habe ich eine Erleuchtung erfahren, in dem mir in irgendeiner Weise klar geworden ist, in was für einer perfekten harmonischen Ordnung der menschliche Körper bis ins Kleinste funktioniert – dieser wahrlich perfekte Organismus. Dabei haben Künstler wie da Vinci, Ärzte mit denen ich gesprochen habe und Präparatoren, mit Letzteren habe ich den Film in Düsseldorf an der Heinrich-Heine-Universität gedreht, etwas ähnliches erlebt. Leider kann man den Film nirgendwo sehen, da die Einschränkung „ab 18“ im Internet nur bedingt funktioniert.

In „Familienleben“, den Film habe ich 2017 veröffentlicht, geht es um Portraits von drei Generationen meiner Familie: Großmutter, Eltern und Geschwister. In dem Film ging ich der Frage nach: Was hält eine Familie zusammen? Was sind die Bande? Dabei spielt der Alltag, in dem das Leben vergeht, die Lebenserfahrungen und die Frage nach dem Lebenssinn eine zentrale Rolle.

Dirk Fleiter: Jetzt zu deinem neuen Film „Zwischen den Fronten“. Wie kamst Du auf die Idee eine Reisegruppe nach Russland zu begleiten?

Irina Heckmann: Aus Neugierde. Ich habe mich gefragt: Warum und wer sind diese Menschen, die nach Russland fahren? Welche Ziele verfolgen sie? Ich habe mich gefragt, wie Menschen, die sich einst bekämpften, Jahrzehnte später miteinander umgehen? Russland ist ja für Deutsche kein wirkliches Reiseziel. Mein Freund, der den Ton für den Film gemacht hat, hatte damals zwei Jahre Russisch gelernt und wollte nach Russland, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Er hat mir damals den Link mit dem Aufruf gezeigt und wir haben uns ohne groß zu überlegen für zwei Plätze im Bus angemeldet. Mich interessierten ohnehin die westlichen Regionen Russlands sowie Gebiete, die an den baltischen Ländern und an Weißrussland grenzen. Ich war noch nie in Sankt-Petersburg oder Wolgograd gewesen. Ich war davor zwar einmal in Moskau, aber mehr auch nicht. Zum Beispiel wusste ich, dass in diesen Regionen im Zweiten Weltkrieg Kampfhandlungen ausgeführt wurden, aber mir war nicht bewusst, wie stark sie durch eben diese Geschichte geprägt waren. Meine Familie hat eine andere Geschichte. Die Deutschen aus Russland haben nicht gekämpft. Sie wurden unter Stalin plötzlich zu Faschisten erklärt, deportiert und in Arbeitsarmeen zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Dirk Fleiter: Kannst du das bitte etwas ausführen? Welchen genauen Bezug hast du zu Russland?

Irina Heckmann: Ich gehörte zur deutschen Minderheit in Russland. Diese wurde Ende des 17. Jhd., von Katharina der Großen angeworben, um unbewohnte Gebiete in Russland zu besiedeln. Dort haben sie über Generationen gelebt. Mein Ururgroßvater stammte aus Baden-Württemberg. Er kam Ende des 18. Jahrhunderts nach Russland. Es gibt noch viele Deutsche in Russland, knapp 400.000 glaube ich, die meisten in Sibirien, in der Oblast Omsk, aus der auch ich komme.

Dirk Fleiter: Du hast dich entschieden, deine Neugier mit den Mitteln des Films zu befriedigen. Wie würdest du das filmische Konzept beschreiben, mit dem du an das Projekt herangegangen bist? Gab es Vorbilder / Traditionen an denen du dich orientiert hast?

Irina Heckmann: Mich haben Fragen geleitet wie: Welche Ziele haben die Reisenden und haben sie am Ende der Reise diese Ziele erreicht oder nicht? Das war der erste Erzählbogen. Meine Haltung war den Menschen offen zu begegnen, mit einem unvoreingenommenen Blick. Mit der Kamera habe ich mich häufig am Rande der Gruppe und des Hauptgeschehens aufgehalten. Die Geschichten haben zu uns oft selbst gefunden.

Dirk Fleiter: Wiederkehrende Elemente im Film sind historische Fotos und Tagebuchaufzeichnungen eines deutschen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, die aus dem Off gelesen werden. Welche Idee steckt dahinter?

Irina Heckmann: Die Geschichte von Wolfgang Buff habe ich auf einem Soldatenfriedhof gehört. Er schrieb Tagebuch und darin fand ich Zuneigung und Mitleid für die dortige Bevölkerung und die sowjetischen Soldaten. Buff lernte fleißig Russisch, war belesen und offensichtlich furchtlos, denn er hat an einigen Stellen das Hitlerregime kritisiert und die Tagebücher dabei mit der Feldpost nach Hause zu den Eltern geschickt. Man beobachtet, je weiter man sein Tagebuch liest, einen Sinneswandel in Bezug auf das Land und die Leute. Er kam nach Russland, um den Feind zu besiegen. Er war, wie viele damals, ein Patriot. Und dann las ich, dass er sich mitten im Kampf in die feindliche Schusslinie begab, um einen verwundeten sowjetischen Soldaten zu versorgen. Das ist ungewöhnlich. Im Grunde wollte ich dem Zuschauer nahelegen, über diese Haltung des Soldaten Wolfgang Buff einmal nachzudenken. Solche Menschen oder solche menschlichen Taten gab es im Kriegsalltag. Als ich wieder Zuhause war, konnte ich seinen jüngeren Bruder, Joachim Buff, besuchen, der auch als Soldat in Russland war. Leider ist er mittlerweile verstorben.

Dirk Fleiter: Waren die Orte auf der Route geplant?

Irina Heckmann: Wir hatten zwar eine Liste von Stationen, aber wir wussten überhaupt nicht, was uns erwartet oder wer uns begegnet. Wir sind quasi ins Unbekannte, ins Offene gefahren.

Dirk Fleiter: Von wem war die Reise geplant?

Irina Heckmann: Es gab zwei Organisatoren, die den Reiseaufruf gestartet haben unter dem Motto „Frieden und Freundschaft“. Wie alle Begegnungsorte zustande kamen, weiß ich nicht genau, denn vieles entstand durch Eigeninitiative von Seiten der Gäste und der Einheimischen. Zum Beispiel der Besuch im Dorf Utorgosh, der erste Ort im Film mit dem Heimatmuseum, wurde von einem Deutschen und seiner russischen Ehefrau, die aus diesem Gebiet kam, organisiert bzw. die beiden haben die Menschen in Utorgosh angesprochen und sie haben in Eigeninitiative den Empfang geplant, Essen und Übernachtungsmöglichkeiten organisiert. Unsere Aufgabe war eigentlich nur eine Fahrgelegenheit zu finden.

Dirk Fleiter: Wie viele Menschen sind mitgefahren?

Irina Heckmann: Bei den drei Fahrten waren es jeweils zwischen 150 und 250 Personen. Die Meisten sind mit eigenen PKWs gefahren, es gab aber auch Motorradfahrer und ein oder zwei Busse.

Dirk Fleiter: Die Teilnehmer der Reise sind keine homogene Gruppe, haben durchaus unterschiedliche Motivationen. Warum sind die Leute nicht alleine nach Russland gefahren, sondern in einer großen Gruppe?

Irina Heckmann: Ältere Menschen, die persönlich oder familiär vom Zweiten Weltkrieg betroffen waren, haben sich nicht getraut alleine zu fahren. Viele wollten ein Zeichen setzen. Sie haben in den vorangegangenen Jahren politische Spannungen zwischen Russland und Deutschland in den Medien mitbekommen, fanden es beunruhigend und hatten Befürchtungen, dass der Konflikt größer wird, also sich auf ganz Europa ausbreitet. Womit sie nicht ganz Unrecht hatten, als Russland im Februar 2022 die Ukraine angriff. Der Konflikt in der Ostukraine dauerte damals, 2017, schon drei Jahre. Sanktionen gegen Russland waren voll im Gange und die Stimmung in den Medien auf allen Seiten aufgeheizt.

Dirk Fleiter: Wie hat sich der Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 auf den Film ausgewirkt?

Irina Heckmann: Ich war mitten im Schnitt. An dem Film konnte ich erst mal nicht arbeiten, ich musste die Karten neu mischen, mich positionieren, sonst hätte der Film nicht funktioniert. Aber als allererstes war ich damit beschäftigt den Schock zu verarbeiten, den dieser Krieg in mir auslöste. Ich meine, wir standen alle unter Schock. Ich habe beobachtet, wie voreingenommen ich dem Krieg anfangs gegenüberstand.

Dirk Fleiter: Wie meinst Du das?

Irina Heckmann: Die Fronten haben sich schnell aufgebaut und ich hatte das Gefühl, dass alte Feindbilder wieder aufleben. Als der Krieg ausbrach, hat zum Beispiel eine ältere Bekannte von mir mich auf der Straße ziemlich laut angemacht: „Die Russen sind doch verrückt geworden!“. Eine Nachbarin erinnerte sich an den Kalten Krieg in den 70er Jahren: „Die Russen werden eine Atombombe auf uns werfen!“. Ich konnte Irina Heckmannre Aufregung in dem Moment zwar verstehen, aber ich habe mich dabei unwohl, beinahe angegriffen gefühlt. Ich kann mir vorstellen, dass man unter diesem Schock auf gewohnte, prägende Bilder zurückgreift – Bilder, die einem vertraut und bekannt sind, um dem Chaos im Kopf so schnell wie möglich zu entkommen. Zumindest habe ich es so erlebt. Ich habe anfangs gedacht, dass der Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 ein Missverständnis sei, dass die Soldaten in ein paar Tagen wieder Zuhause sind. Dabei habe ich den zweiten Tschetschenienkrieg mitbekommen und einen Freund im Sarg nach Hause kommen sehen. Natürlich ist Russland meine Heimat und ich fühle mich dort vor allem in der Sprache zu Hause. Also geriet ich in einen Zwiespalt.

Dirk Fleiter: Man hat in Russland den Krieg bejubelt. Auch wenn vieles davon inszenierte Propaganda ist, gibt es viele Menschen in Russland, die hinter Putin stehen. Kannst Du das erklären?

Irina Heckmann: Menschen sind anfällig für Propaganda. Die deutsche Geschichte – die Hitlerzeit – hat es gezeigt. Wenn man sich fragt, woher die Bereitschaft bei der russischen Bevölkerung für den Krieg kam, sollte man wissen, dass der Konflikt in der Ostukraine 2014, also 8 Jahre bevor Russland die Ukraine angriff, in den russischen Staatsmedien rauf und runter gezeigt wurde. Natürlich aus russischer Perspektive.

Dirk Fleiter: Welche Haltung vertrittst Du, und wie wolltest Du sie im Film zum Ausdruck bringen?

Irina Heckmann: Ich habe mich ganz klar dazwischen positioniert. Ich mache keinen Unterschied, ob Soldaten auf der ukrainischen oder auf der russischen Seite täglich sterben, ich leide mit beiden Seiten. Lew Tolstoj nahm in seinen Arbeiten die Auszüge von einem Vertreter der Lehre des Nicht – Widerstrebens, einem Amerikaner Adin Ballou auf, der die Frage stellte: „Wie viel Menschen sind nötig, um das Übel in Gerechtigkeit zu verwandeln“. Ich zitiere ihn: „Ein Mensch darf nicht töten. Hat er getötet, so ist er ein Verbrecher, ein Mörder. Zwei, zehn, hundert Menschen, wenn sie es tun, sind sie Mörder. Tun zwei, zehn, hundert Menschen dasselbe, so sind sie Mörder. Der Staat aber oder ein Volk darf töten, so viel es will, und das ist kein Mord, das ist ein gutes lobenswertes Werk. Man braucht nur so viel Menschen als möglich zusammenzubringen, und das gegenseitige Morden von 10.000 wird ein unschuldiges Werk.“

Dirk Fleiter: Hast Du eine Filmförderung oder ein Sponsoring für den Film gehabt?

Irina Heckmann: Der Film wurde aus eigenen Mitteln finanziert. Wir haben keine Filmförderung erhalten. Im Ausland mit wenig Geld zu Drehen kannst Du Dir so vorstellen: Wir haben uns von Instantsuppen und russischen Teigtaschen mit Sauerkraut ernährt. Dabei waren wir auf den Bus angewiesen, somit ohne nötige Mobilität, was unsere ganze Drehweise beeinflusst hat. Manchmal sind Teilnehmende, die wir begleitet haben, aus dem Bus ausgestiegen oder wollten an einem Ort länger bleiben. Wir haben sie dann verloren oder erst am Ende der Reise wieder getroffen. Es gab viele offizielle Begegnungen, ich habe mich aber mehr für das Private interessiert. Auch das ging oft nur stückchenweise, denn die Aufenthalte waren kurz und länger bleiben ging nicht, da der Bus weiterfahren musste. Ganz zu schweigen von der Schwierigkeit, überhaupt mit so vielen Menschen zu drehen. Der Dokumentarfilm braucht Zeit, Annäherungszeit – um Nähe zu den Menschen aufzubauen. Das war das größte Problem beim Dreh. Letztendlich bedeutet das, dass wir für die gesamte Realisierung des Films auf eigenes Risiko finanziert haben. Risiko im unternehmerischen Sinne, ohne zu wissen, ob der Film jemals auch nur einen Teil der Produktionskosten einspielen wird. Hinzu kommt noch der immense Zeitaufwand im Schnitt, der parallel zu anderen freiberuflichen Aufträgen und der Familie mit einem kleinen Kind lief.

Dirk Fleiter: Trotz aller Widrigkeiten hast Du den Film schließlich fertig gestellt. Wie würdest du das inhaltliche Ergebnis deiner filmischen Suche beschreiben? Kannst du für dich eine Art Résumé formulieren?

Irina Heckmann: Dieser Film war für mich die Suche nach einer Form und eine Arbeitsweise, die mich an meine Grenzen gebracht hat. Ich möchte jetzt mehr subjektiv und essayistisch arbeiten und mich weniger auf äußere Umstände verlassen, die ich nicht oder nur begrenzt beeinflussen kann. Wenn Du nach einer Art Résumé fragst, dann denke ich persönlich für mich an den KZ-Insassen Viktor E. Frankl, einen österreichischen Neurologen und Psychologen, der in seinem Text „Synchronisation in Birkenwald“ über eine Kette der Gewalt spricht, die es zu sprengen gilt, sonst wird es kein Ende der Gewalt geben. Meine Großmutter hat die Gewaltkette gesprengt. Sie konnte mehrere Lager überleben, aber als der Krieg vorbei war, hatte sie Gewalt nicht mit Gewalt erwidert oder Hass mit Hass. Sie gab keinem für das Erlebte Schuld. Einmal erzählte sie, wie sie nach dem Holzfällen am Ende eines langen Arbeitstages im Lager bei -30 Grad Kälte in einer Kolonne in ihre Baracken gingen. Die dort lebende Bevölkerung wusste, dass diese Gefangene „Faschisten“ waren. Zumal es deutsche Frauen waren, die kein Russisch oder nur ein paar Wortfetzen sprachen. Und doch stand da an dem besagten Tag am Rande der vorbeigehenden Kolonne ein Mann, der ihr ein kleines Stück Brot zugesteckt hatte. Es gab mehrere ähnliche Vorfälle, dabei hatten die Russen selbst nichts zum Essen gehabt, sagte meine Großmutter. Ich persönlich will in keiner Weise ein Glied oder nur ein Millimeter jener Kette sein. Das ist etwas, was mir bewusst geworden ist. Ich gehe vorsichtig mit Nachrichten um, denn die machen etwas mit mir. Und ich wähle sorgsam meine Worte, wenn es drauf ankommt, Position zu beziehen. Du hast mich am Anfang nach Vorbildern gefragt. Die gab es. In den schwierigen Phasen, bei der Montage des Films, begleitete mich ein Zitat des russischen Philosophen Alexei Lossew. Über ihn drehte Viktor Kossakovsky seinen ersten Film. Das Zitat stand in einer Art Testament, das seine Frau nach seinem Tod vorgetragen hat. Er schrieb, dass man ihm stets versichert habe, es gebe nur Fakten und nichts als Fakten. Dass Fakten ein störrisches Ding seien. Das sei Unsinn, meinte er. Es gebe nichts Verlogeneres als Fakten. Es gebe nur die Gemeinschaft und ein Teil dieser Gemeinschaft sei die Liebe.

Witten, Januar 2024